Viktoria Tiedeke im Zuge des Residenzstipendiums bei Global Forest e.V. (2021)


Johanna Mangold (*1984, Kempten) interessieren jene Wahrnehmungsmechanismen, die sich an den Schnittstellen zwischen der greifbaren Realität, dem Unbewussten und Fiktion abspielen. Einen besonderen Stellenwert haben dabei die Phänomene Traumerfahrung und Erinnerung, in die sowohl die dinghafte Realität als auch Unbewusstes und Fiktionales, also unsere Fantasie hineinspielen. Beides, Traum und Erinnerung, sind in sich heterogene, ungeordnete Sammelsurien an Bewusstem wie Unbewusstem, die durcheinander strömen und deren Quelle vermeintlich im Persönlichen oder Individuellen liegt. Während Traum und Erinnerung gemeinhin als absolut private ‚Räume‘ begriffen werden, die nur das Individuum selbst ‚sehen‘, fühlen und erfahren kann, ist weniger offensichtlich, dass Traum und Erinnerung auch im Verhältnis zur gesellschaftlichen Außenwelt zu sehen und in kollektiven Bildwelten, eingeübten Konventionen sowie allgemeinen Prägungen der Zeit verankert sind.
In dieser Ambivalenz zwischen subjektivem und kollektivem Wissen, zwischen subjektiver und kollektiver Erfahrung und der wechselseitigen Einschreibung des Privaten in das Kollektive, bzw. Öffentliche (vice versa) arbeitet die Künstlerin Johanna Mangold. So wie die Modi Heterogenität und Perspektivenwechsel damit inhaltlich in Mangolds Arbeit eingeschrieben sind, sind sie auch methodisch und künstlerisch fest verankert und lassen sich auf verschiedenen Ebenen ausmachen:
Durch die mediale Bandbreite der Künstlerin materialisieren sie sich in Ihren Arbeiten. Je nach spezifischen Darstellungs- und Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums – also ob Malerei, Zeichnung, Skulptur, Text, Klang, Video oder neue digitale und virtuelle Gattungen wie die Virtual Reality (VR) – tastet Mangold ihre Motive ab, umkreist sie. Sie nähert sich ihnen dabei an und erschließt sich prismatisch aufgebrochen ihre verschiedenen Charakteristika, die sie dann in den fertigen Arbeiten wieder zueinander arrangiert.
Entsprechend begreift die Künstlerin Körper (aber auch andere darstellbare Dinge, Motive, Landschaften – sämtliche dinghafte ‚Entitäten‘) als Orte der Transformation, als Orte der Erinnerung und als biografische Karten, in denen sich Erfahrungen als Markierungen niederschlagen, die Geschichte haben, Schichten. So sehen sich in ihren Bildwelten Betrachter*Innen einer zwar gegenständlichen, jedoch dekonstruierten Motivik aus mal unvollständigen-, mal verzerrten Körpern, Gesichter und Motiven gegenüber. Ihre künstlerische Welt ist von hybriden, ambivalenten, vielschichtigen Wesen bevölkert, die von einem steten amorphen Wandel ergriffen und immer ein bisschen mehr sind, als sie selbst – herausfordernd.
Obwohl sich schließlich auch in den Erzähltechniken häufig Sprünge und Perspektivenwechsel ergeben, wird ihre Kunst von starken Narrativen durchzogen, die ihren Ausgangspunkt häufig in eigenen Erfahrungen haben. Kunst und Ausdruck werden so bei Johanna Mangold ganz grundlegend und vielschichtig zur Reflexion, zu einem Ort des Austausches von Privatem und Kollektivem.
Mangold studierte von 2007-2015 Freie Malerei und Freie Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Cordula Güdemann und Prof. Rolf Bier. Es folgte ein Postgraduales Studium im Weißenhof-Programm der Akademie als Meisterschüler*in bei Prof. Ricarda Roggan. Sie hat international in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen ausgestellt. Derzeit lebt und arbeitet sie in Ulm.

Tiin Kurtz zu "du ich anatomia" im Bahnwärterhaus Esslingen (2019)

Betritt man den oberen Ausstellungsraum, fällt der Blick auf zwei Malereien.
Sie zeigen jeweils zwei Figuren, eine männliche und eine weibliche. DU. ICH. Zwischen den Figuren treten dritte Elemente in Erscheinung, Visualisierungen zwischenmenschlicher Beziehung. ANATOMIA. Während die rechte Malerei Nähe und Verbindung ausdrückt, hier wird gegessen bis zum Kuss, vielleicht entwächst aber auch beiden Mündern ein- und dieselbe Zunge, erkenne ich in der linken Malerei Ferne und Entzweiung. Steinähnliche Gebilde oder Gestalten fallen herab und drängen sich zwischen die beiden Figuren, sprengen die Beziehung.

Der Leserichtung folgend, wird die Entzweiung (links) vorangestellt. Im Verlauf der Ausstellung erkennt man dann auch, dass hier wohl eine zwischenmensch-
liche Beziehung im Rückblick betrachtet wird. Nicht nur betrachtet, sie wird seziert, ein Beziehungskörper wird geöffnet und zerlegt.

Anatomia: altlateinisch, aufschneiden.
Anatomie: dem Erkenntnisgewinn dienende ‚Zergliederung‘.

In der Videoarbeit „An diesem Ort“ sagt eine Stimme:

Erwühle mir einen Weg Erschaue mir mein Gesicht An diesem Ort (...)
Ich eine Dämmernde

In der dichtesten Durchwurzelung (...) Verweile an diesem Ort

Dieser Ort: Die Erinnerung.
Wer sich erinnert, erlebt mental wieder. Wer sich erinnert, schafft Bewusstsein. Wer sich erinnert, bricht auf.
Wer sich erinnert, verwandelt.

Wer Johanna Mangolds Kunst kennt, weiß, dass es ihr stets um das Aufbrechen von Gefügen zugunsten der Neuordnung, der Verwandlung und Transformation geht. Sie ist eine Meisterin der Fragmentierung, der symbolhaften Bildsprache, der intuitiven Modifikation. Für mich ist sie in der Bildenden Kunst tatsächlich eine Lyrikern. Sie arbeitet stark mit Verdichtungen, benutzt Metaphern und Chiffren, sie entwirft immer wieder eine ganz eigene Bild- und Sprachrhetorik, verknüpft widersprüchliche Begriffe miteinander, und ihren Arbeiten inhärent sind Klang und Rhythmus. Konsequent und absichtsvoll verweigert sich ihre künstlerische, medial so vielfältige Sprache dem raschen Konsum, schafft statt Eindeutigkeit lustvoll Mehrdeutigkeit.

Anatomia. Ich z.B. habe bei diesem Begriff die Assoziation von Krankheit. Insomnia. Dysthymia. Krankhafte Erscheinungen, Veränderungen. Was ist das für eine

zwischenmenschliche Beziehung, die hier dargestellt, die hier seziert, die hier verarbeitet wird?

Sie treffen sich immer am Brunnen. Er redet mit Steinen.
Sie hat eine Katze in den Genen. Er schlägt Wurzeln in sie.

Sie haben ein Lied, es handelt von Schwänen. Sie mag die Farbe von Blut.
Er hat langes, rotes Haar.
Sie trägt einen geflochtenen Zopf.

Er sagt: Du weißt ja, wie ich werden kann, du weißt ja. Sie sagt: Du weißt ja, wie ich werden kann, du weißt ja. Sie beißen sich in die Hälse.
Er sorgt sich um ihre Lunge.

Sie umarmt seinen Kopf.
Er will in der Zukunft ein Junge sein oder Asche. Sie macht sich Sorgen um Zustände.
Er sagt: Keine Angst, ich werde zuerst verrückt. Er will sie immerzu tragen.
Sie will nicht auf seinen Arm.
Er entreißt ihrem Mund Schwüre.
Sie empfindet Schuld.
Er hat einen schweren Blick.
Sie verschweigt ihm den Keller.
Er trägt ein Pentakel.
Sie gehen dann doch nebeneinander.

Johanna Mangold zeigt Malereien, Monotypien, Objekte und Artefakte sowie ein Künstlerbuch mit Zeichnungen und Texten, das titelgebend für die Ausstellung ist. Darüber hinaus sind in enger Zusammenarbeit mit Raphael David Aletsee Videoarbeiten entstanden, in denen Wort-, Bild- und Klangkunst eine spannende Allianz eingehen.

Der Beziehungskörper, der hier auf dem Seziertisch liegt, ist vielschichtig, mehrdeutig, widersprüchlich. Ich bin als Betrachterin und Betrachter einer Synchronizität ausgesetzt, die mich fordert: Fleisch und Geist, Erinnerung und Gegenwart, Struktur und Chaos, Eindeutigkeit und Verschlüsselung, Kampf und Tanz, Bild und Wort, Stille und Klang, Kunst und Dokumentation, Realität und Fiktion. In der Rezeption der Arbeiten von Johanna Mangold und Raphael David Aletsee bin ich aufgerufen, mich frei zu machen, von DER einen Geschichte, DER einen Realität. ANATOMIA ist ein Netz, das sich in jedem Kopf individuell spinnt.

Ist da dein Gehirn drin? Ist da dein Gehirn drin? Ist da dein Gehirn drin?

Cordula Güdemann zu den Monotypien von Johanna Mangold (2016)

Teile von menschlichen Figuren finden sich in allen Arbeiten von Johanna Mangold.

Sie stehen als Zeichen für einen Zustand, eher einen Ausnahmezustand, der möglicherweise bedrohlich sein kann. Als Betrachter hat man den Eindruck, als kennt man diese Situationen: viele Hände, die geschüttelt werden müssen - und ein einziges Gesicht bleibt als Bild in Erinnerung. Hände, die sich suchen, sind ein häufiges Motiv.

Arme werden aus rechteckigen Formen herausgestreckt- Fläche oder Kasten, in denen der restliche Körper steckt? Der Verborgene ist nur mit den Armen im Außen. 

Selten kommt es zur Berührung der Hände und da Gliedmaßen auch ohne Körper in Mangolds Blättern agieren, gibt es auch kaum intakte Figuren, die einander begegnen. 

Durch die Stilisierung der Figuren wird der Eindruck vermieden, daß es sich um malträtierte, verstümmelte Menschen handelt. Zeichen für das, was Narration sein kann, sind sparsam gewählt. Das gilt auch für die bis auf wenige Ausnahmen blasse Kolorierung der Monotypien. 

Es scheint sich eher um selektive Wahrnehmung in existentiell erlebten Situationen und Augenblicken zu handeln. Gleichzeitig arbeitet Johanna mit den Mitteln der Groteske: sie vereinigt das Bedrohliche und das Makabre mit dem Komischen und dem Absurden in ihren Arbeiten. 

Die Bilder sind trotz ihrer sparsam eingesetzten Mittel anspielungsreich und machen Lust, mehr ihrer Art zu sehen. 

Cordula Güdemann

Wolfgang Neumann zu Johanna Mangold: „Frisch aus dem Teich“, Kunstverein Ludwigsburg 06.03.2016 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Künstler, liebe Johanna Mangold,

Hier und heute sehen wir in den Räumen des Gewölbekellers einen Einblick in ein breitgefächertes Schaffen: Malerei, Drucke und Papierarbeiten sowie einige kleinplastische Werke von Johanna Mangold unter dem Titel „Frisch aus dem Teich“. Einstimmen möchte ich Sie mit einem Gedicht von Ringelnatz, das sich hier aufdrängt. Sein Titel ist „An einem Teiche“.

An einem Teiche (Joachim Ringelnatz)

Schlich eine Schleiche,
Eine Blindschleiche sogar.
Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.
Die Schleiche sah nicht was es war,
Denn sie war blind. –––––––––––––
Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche Einer Blindschleiche.

Also „Frisch aus dem Teich“ Ein Titel, der wenig verrät und doch viel verspricht. Ist der Teich auch begrenzt und kein weites Meer, so ist er ein naheliegendes kaum durchdringliches Biotop, in dem bei genauerer Betrachtung Vieles kreucht und fleucht. Neben den dicken glänzenden Goldfischen hält es Hundertschaften winziger Larven, seltsamer Schwimmkäfer und sonstigem Getier bereit. Der weich- schlammige Grund des Teichs mag flach sein; einsehbar ist er schwerlich, zunächst sieht man sich selbst gespiegelt in der schillernden Oberfläche. Wir sind der Bildsprache von Johanna Mangold auf der Spur. Ja, die blinden Schleichen, die Augen, das treibende Unbestimmte aus den Zeilen von Ringelnatz tauchen in den Mangoldschen Bildpoemen immer wieder auf.

Lassen Sie mich die junge Künstlerin und Absolventin der Stuttgarter Kunstakademie zunächst kurz vorstellen: 1984 in Kempten geboren studierte sie bis im vergangenen Jahr an der Stuttgarter Kunstakademie freie Malerei und Grafik in der Klasse Prof. Güdemann. Sie geht sicher mit ihren bildnerischen Mitteln um, so dass man diese Jugend im positiven Sinne nicht sehen kann, darum trifft ihre Arbeit auf großes öffentliches Interesse und viele Kunstvereine bemühen sich schon jetzt darum, ihre Arbeiten zu zeigen. So darf ich darauf hinweisen, dass noch eine ganze Woche bis zum 13. März die Möglichkeit besteht ihre sehr umfangreiche Präsentation im Gmünder Kunstverein mit schätzungsweise über 80 Werken anzusehen.

Ich möchte im Folgenden auf die verschiedenen Werkkomplexe eingehen und würde Ihnen empfehlen dazu die Einladungskarte zur Hand zu nehmen.
Im Inneren der Karte sind zwei Motive abgebildet, zwei Monotypien, teils mit Aquarell fein koloriert aus der Serie „Oneiroi-Morpheus“.!Möglicherweise aus dem Teich gewonnene Kiesel am Boden flankieren einen schwebenden embryonal gekrümmten anthropomorphen Körper, der im Entstehen scheint; manche der Kiesel materialisieren sich schwarzkonturiert pupillig zu Augen, während dieselben Formen diagonal nach oben entschwinden und sich dabei in pflanzlich Verkapseltes mit Rillen wandeln. Der Titel deutet diese stetige Wandlungsfähigkeit der bildlichen Protagonisten bei Johanna Mangold an, die Bedeutungen sind nicht festgefügt, sondern fließend wie in den Metamorphosen des antiken Schriftstellers Ovid. Wir alle kennen diese Verwandlungen von Personen und Dingen aus dem Halbschlaf und dem Traum.

In Serien fertigt Johanna Mangold diese filigrane Monotypien an. Sie sind Druckgrafiken, welche zugleich Unikate sind, also nicht der Vervielfältigung dienen. Der Druck findet über ein eigens entwickeltes Verfahren statt, in dem die Künstlerin über mit Ölfarbe eingestrichenen Blättern rückseitig das Bild mit dem Druck eines Stiftes auf das Zielformat durcharbeitet. Im Gegensatz zur bekannten Monotypie ist das Motiv im Ergebnis nicht seitenverkehrt und sie behält jederzeit die Kontrolle über die komplizierte Komposition. Dies schafft einen eigenartig suggestiven Eindruck, eine auf dem Papier abgelegte weiche Präsenz, die beim Umdruck entsteht. Es hinterlässt keine Druckstellen auf dem Papier, die konturierende Hand der Künstlerin gerät dermaßen in Abschwächung, dass die Bilder eher gewachsen, als wie gezeichnet wirken. Diese Blätter hängt sie bevorzugt gerahmt in dichten Blöcken, so dass sie wie aufgereihte Bildpoeme erscheinen, eine innere Zusammengehörigkeit der Themen und Figuren wird unterstrichen, obwohl es keine zwangsläufige Abfolge oder gar Story gibt, die ablesbar wäre.
Im Zentrum der Monotypien stehen Formen des Menschen, die aber als Urtypen oder archaische Idole durch die Bilder geistern. Dabei wird die menschliche Figur unterschiedlich eingesetzt: Mal beinahe als vereinfachtes Symbol, mal mit sehr individuellem Typus. Frontal oder im Profil dargestellt zeigen sie wenig Ausdruck im Gesicht, mit dem sie die Szene kommentieren könnten. Mit geöffneten Augen erdulden sie das Geschehen, werden fragmentiert, Arme und Beine sind abgetrennt und neu zusammengestellt. Es fließt dabei kein Blut und es ist auch keine Brutalität

in diesem Sinne auszumachen. Zu den Menschen gesellen sich einfache Objekte, Krüge, Becken, organische Strukturelemente, mit denen sie koexistieren oder in Dialog treten. Immer wieder die mandelförmigen Augen, auch ohne Pupillen. Alles Linien, Striche, Punkte, Raster. Mit reduzierten Mitteln gelingt der Künstlerin die Erschaffung einer kleinen Welt: Ein einfacher Bildraum ist angedeutet: Ein Oben und ein Unten, der Tiefenraum wird nicht betont. Linie und Struktur folgen fast schlafwandlerisch der Logik einer Komposition im Blatt. So erinnern diese Grafiken entfernt an ägyptische Hieroglyphen und keltische Idole, auch hier ist der Mensch ein allgemeingültiger aus der Zeit gefallener Typ. Als Identifikationsfiguren oder Spiegelbilder taugen uns diese nicht. Es gibt keinerlei poppige oder modische Einflüsse, keine Frisuren, keine Kleidung, keine Elektrogeräte, die diese Figuren in einen zeittypischen Kontext transferieren. Die Farbtöne sind zurückhaltend. Es ist also im besten Sinne zeitlos. Die Bildwelt ist keine fest gefügte, statisch monolithische, sondern eine dynamisch schwingende, fragil vibrierend veränderliche.

Diese Visionen prägen sich mit sanfter Gewalt ins Gedächtnis des Betrachters ein, weil sie sich aus der Tiefe des Erinnerung, des Traumes und der Phantasie speisen. Die kunsthistorischen Linien ziehen sich von den alten Ägyptern über die Buchmalerei des Mittelalters bis hin zu den Surrealisten des 20. Jahrhunderts. C.G. Jung, Sigmund Freud und Viktor Frankl sind Analytiker der menschlichen Psyche, und Chronisten des Seelischen, derer die Künstlerin sich bewusst bedient.

Eine ganz eigene Welt tut sich in den kleinplastischen Werken auf: Auch hier begegnen uns rasterartige Oberflächenstrukturen, organische Formwiederholungen und der kombinatorische Umgang unterschiedlicher Wesensrealitäten. Oftmals wählt die Künstlerin nicht nur eine Figur, sondern eine Kombination – in der Musik würde man von einem Akkord sprechen - des haptisch Reizvollen an Formen und Materialien. Johanna Mangold nutzt Fundstücke Steine, Ton, Stoff, Erde, Farbe usw.....
Die Dinge und Erscheinungen sind auch hier hybrid und in Wandlung begriffen. Tierisches ist mit Menschlichem oder Pflanzlichem verwachsen. Es gibt Öffnungen und Hohlräume. Verschalungen, Verkrustungen und Membranen treffen auf flauschig Formbares. Die Stofflichkeit reizt geradezu die Dinge mit Fingerspitzen zu erkunden, denn handlich ist ihre Größe. Es gelingt Johanna Mangold, dass die Wesenhaftigkeit dieser Objekte so überzeugt, als seien sie nicht von Menschenhand

gestaltet, sondern immer schon so gewesen. Nach langer Zeit frisch ausgegraben oder als Beifang aus dem Meer gefischt, ...oder eben aus dem Teich.

Einen Extrablock bilden ganzfigurige Tuscheblätter, zumeist schwarz auf Papier, in denen ganz der Mensch, seine nackte, bloße Erscheinung und sein Körperausdruck im Focus stehen. Die Körper sind vereinzelt, anatomisch verzerrt und auf ausdrucksstarke Weise mit sich selbst im Konflikt verwunden. Es dominiert die Kontur und Außenlinie. Sie scheinen qualvoll ins Blatt eingesperrt oder rahmensprengend mit dem Format verhakt.

In der Malerei schlägt Johanna Mangold unterschiedliche Töne an. So malt sie einerseits auf größeren Leinwänden mit kräftigen Farben und pastoserem Auftrag. Diese Bilder leben von Expressivität, Farbkontrasten und Richtungswechseln des Pinsels.

Auf den kleinen Holzformaten zeigt die Künstlerin fast abstrakte Motive. Man tritt unwillkürlich näher und erkennt immer wieder mikrokosmische, mikrobiologische Strukturen in den Kreisflächen und Formberührungen. Die Farben sind in wolkiger Tiefe herausgemischt, der Duktus des Pinsels verschwindet ins Glatte. Als Kontrast werden grafische Elemente wie Strichgewitter und die Mandelformen in die Farbräume implantiert, die die Handschrift der Zeichnerin Johanna Mangold wieder aufscheinen lassen. Es wird von Zellteilung, Wucherung, Windung erzählt. Noch archaischer als auf den Drucken scheint die Künstlerin hinter die Menschheitsgeschichte zurück in eine Zeit zu tauchen, in der die Welt zuletzt in hell und dunkel, Land und Meer geteilt wurde.

Alles Weitere wächst nun wie selbstverständlich heran.

Lassen Sie sich beeindrucken von diesen Bildern, steigen Sie herab und tauchen Sie ein in den Teich.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Tiin Kurtz zur Ausstellung "Wunden und Türen" im Gmünder Kunstverein (2016)

Auch ich begrüße Sie ganz herzlich zu Johanna Mangolds Ausstellung „Wunden und Türen“ im Gmünder Kunstverein.

Sind Sie heute schon zerstückelt worden?

„Wer die Zerstückelung überlebt, ist in die Vertrautheit zwischen Opferung und Schöpfung, zwischen Leiden und Transformation eingeweiht.“ aus: The Archive for Research in Archetypal Symbolism (ARAS)

„Zerstückelung kann psychologisch als transformierender Vorgang verstanden werden, der einen ursprünglichen, unbewussten Inhalt aufspaltet zum Zwecke bewusster Verarbeitung.“ aus: Edward Edinger, Ego und Archetypus

Die Kunst von Johanna Mangold fußt auf Mangelerscheinungen. Am Anfang steht der Schmerz. Verletzungen, Unzulänglichkeiten, Sehnsüchte, zaghafte und brachiale Ausbrüche. Diese bewussten und unbewussten, diese physischen und psychischen Wunden aber werden zu Öffnungen. Die Öffnungen wiederum zu Möglichkeiten der Metamorphose, zu vagen Zielsetzungen, zu sich konkretisierenden Visionen. Allen Dingen ist die Energie und Kraft der Verwandlung inne.

Johanna Mangold führt das Aufbrechen ganz unterschiedlicher Gefüge vor. Realitäten werden in Einzelteile zerlegt. Kategorien werden gesprengt. Raum löst sich auf. Volumen durchschreitet die Sichtbarkeit. Tod ist höchst lebendige Materie. Uns begegnen fremdartige Geschöpfe, irritierende Konstellationen, nackte Zustände und bizarre Situationen, die einerseits in ihrer formalen Klarheit und ihrem ästhetischen Wohlklang erstaunen und beglücken, andererseits aber immer auch verwirren und beunruhigen. Alles scheint irgendwie „auf dem Sprung“ zu sein. Mag es noch so in Ruhe verweilen, der Drang nach neuer Form, nach Erweiterung und Transzendenz ist spürbar.
Was liegt hinter dem Augenblick, was hinter einer vorläufigen Grenze?

Ausgangspunkt der Arbeiten von Johanna Mangold ist oftmals der Traum.
Seit vielen Jahren führt die Künstlerin ein Traumtagebuch. Aspekte aus dem Unbewussten werden so in Sprache umgesetzt und festgehalten. Fasziniert vom Schöpfungsreichtum des Unbewussten verbindet sich Johanna Mangold mit inneren Bildwelten, die ihr als Inspirationsquelle dienen. Dies geschieht auch mittels aktiver Imagination. Dabei wird im meditativen Wachzustand ein inneres Bild gesetzt und dessen selbstständige Entfaltung und Veränderung beobachtet.

So entstehen Kunstwerke, die sich zwischen Traum und Realität, zwischen Schlafen und Wachsein, zwischen Geheimnis und Klarheit bewegen, die irgendwie surreal, irgendwie eigenartig anmuten und denen, für mein Empfinden, eine wunderbare Eigensinnigkeit inne ist. Auch eine wunderbare Unmittelbarkeit. Ich werde in diese Welten hineingesogen. Lasse ich es zu, kann ich Teil des Geschehens werden, das archetypisch und individuell gleichermaßen zu sein scheint.

In Johanna Mangolds Arbeiten begegne ich mir selbst. Ich bin der Fuß, der stampfend schwarze Löcher aus dem Erdboden herauswirbelt. Ich bin das vierbeinige Wesen mit dem vom Himmel gefallenen Feuerkopf im Hohlkreuz, und das Hohlkreuz beginnt schon im Nacken. Ich bin der Kopf, dessen tischförmiger Körper mit dem Boden verankert ist, doch dem Tisch wachsen Flügel. Ich bin das Paar im zu groß geratenen Faltenrock, wir berühren uns nicht und drohen, über die Kante zu kippen. Ich habe weder Arme noch Beine, dafür drei Schädel am Rumpf, und ich schwebe. Ich bin die unter der Glasglocke Hockende, aus deren Kehle es ausläuft oder kotzt, und damit pflanze ich einen Menschen. Ich bin der Fötus, den der Storch fallen lässt, aber vielleicht stürze ich auf den fliegenden Teppich. Ich bin die Anhäufung von Organen, der Wurmberg, die Frau mit dem saugenden Rüssel. Ich bin das Einhorn, das unfähig ist, mit dir, Einhorn, zu kommunizieren, aber die Spitzen unserer Hörner bewegen sich schon im Bereich der Klarheit und möglicher Verständigung.

Johanna Mangold zeigt Zeichnungen, Malereien und Objekte.

Die Zeichnungen sind als Monotypien gearbeitet. Die durch dieses Verfahren bedingte formale Unschärfe unterstreicht die traumähnlichen Zustände, die der entschieden gesetzte Zeichenstrich wiederum bricht. Was dargestellt ist, beansprucht für sich, real zu sein. Anfänglich ausschließlich mit Schwarz arbeitend, setzt die Künstlerin schnell auch Farbe ein, um zu nuancieren, zu akzentuieren, Fläche zu umreißen und Inhalt zu formulieren. Hauptmotiv in den Monotypien ist die nackte Person. Schemenhaft stilisiert fungiert sie als Auslöserin, Empfängerin und Medium. Von ihr, zu ihr, durch sie geschehen die Dinge.

Der zeichnerische Aspekt spielt auch in den Malereien eine wichtige Rolle. Oft entwirft der schwarze Pinselstrich die Figur, das Gesicht, die Bewegung, deutet die Beschaffenheit von Oberflächen an. Erdfarben wie Siena, Ocker, grüne Erde, Umbra und Zinnober stehen neben Grau- und Blautönen, neben zartem Rosa, neben Indisch- und Kadmiumgelb, neben Weiß. In der Wärme steht immer auch die Kälte und umgekehrt. Alle Farben sind leicht abgedunkelt, wodurch zusätzlich eine etwas gedämpfte Atmosphäre entsteht. Der Pinselduktus dagegen ist expressiv. Johanna Mangold malt schnell und aus der Unmittelbarkeit des Augenblicks heraus. Dem Rohen, dem Wüsten, dem Unfertigen und dem Verletzlichen wird so Ausdruck verliehen. Wie in den Zeichnungen steht der Mensch im Mittelpunkt der Malereien. Er wird häufig als Kopfwesen dargestellt, das maximal einen Oberkörper besitzt. Vom Kopf aus fühlt er, agiert und reagiert. Das Gesicht ist (wie die Person in den Zeichnungen) stilisiert. Es ist Trägerin/ Träger von Gefühlen, nicht aber einer bestimmten Persönlichkeit. Es nimmt eine Art Stellvertretungsfunktion ein, ist dein und mein Gesicht. Vielfach bevölkern Mischwesen, oft mythologisch motiviert, einen nur über die Farbe definierten Raum. Meerjungfrauen, Zentauren, Einhornmenschen stehen für die Traum-Wach-Zustände, in denen sich die „Dämmernden“ befinden.

Johanna Mangold arbeitet, besonders in den Zeichnungen und Malereien, mit einer wiederkehrenden und sich stetig erweiternden Symbolik: Knochen, Totenköpfe, Samen, Pflanzen, Früchte, Blasen, Wunden, Schalen, Augen, Brustkörbe. Die Symbolik ist eine Vermittlerin. Sie überführt das Unbewusste des Traumgeschehens in die Sichtbarkeit und macht es damit dem Bewusstsein zugänglich. Die Künstlerin sagt, sie benötige die Symbolik auch, um selbst in den Bildern zu ankern.

Menschen und Gesichter sind in den Objekten kaum mehr auszumachen, sie verschwinden zugunsten bisher unbekannter Lebensformen. So verbinden sich Materialien wie Gips, Ton, Modelliermasse, Wolle, Haare und Papiermaché mit verschiedenartigen Fundstücken zu Gefügen, die mal an Meereslebewesen erinnern, mal an Organkonglomerate und dann wieder an Spielzeugfiguren, die sich beliebig anordnen lassen und je nach Kombination unterschiedliche Sichtweisen, Deutungen und Zustände hervorrufen.

Johanna Mangold arbeitet intuitiv und meditativ, dabei kraftvoll und dynamisch. Der Vorgang des Arbeitens ist für sie ebenso wichtig wie das künstlerische Produkt, denn im Arbeitsprozess entstehen wiederum innere Bilder, Anstöße, Verwandlungen, die unmittelbar schöpferisch ein- und umgesetzt werden. Oft variiert die Künstlerin ein Motiv, arbeitet sich daran in immer neuen Facetten ab. So kommunizieren viele einzelne Bilder miteinander, fügen sich zu einem Bild zusammen. In den Objekten spielen auch Haptik und Geruch eine Rolle. Wenn der Gips sich beim Trocknungsvorgang erhitzt, fühlt sich das Objekt durchblutet an, der Geruch von Schafwolle ist ursprünglich und elementar, Holz und Stein speichern Energie, die bei Berührung übertragen wird.

Johanna Mangold sagt, sie arbeite, um zu lernen, was sie selbst und was ihre Kunst sein will.

Um mit sich selbst, mit ihrer Kunst und letztlich mit uns, den Rezipienten, zu kommunizieren, erschafft sie einen sehr persönlichen künstlerischen und, wie ich finde, auch spirituellen Kosmos, in dem sie „pflanzt und erntet“.

Johanna Mangold spricht ihre eigene Sprache, ungeachtet gesellschaftlicher Normen, ungeachtet religiöser und atheistischer Dogmen, ungeachtet kunsttheoretischer Glaubenssätze, ungeachtet dessen, was sie nicht ist und nicht sein will.

Johanna Mangolds Kunst berührt mich. Johanna Mangolds Kunst öffnet mich. Die Hingabe, die Authentizität, der Mut und die Freiheit, die darin sichtbar sind, treffen mich unmittelbar. Was auch immer ich daraus mache.

Sind Sie heute schon zerstückelt worden?

Ich wünsche Ihnen jetzt viel Spaß dabei.